Ein Monat Weltreise.

Genau einen Monat ist es her, dass wir voller Vorfreude und gleichzeitig unheimlich gestresst zum Flughafen in Frankfurt fuhren um uns in das bisher größte Abenteuer unseres Lebens zu stürzen. Einen Monat ist es her, dass wir direkt am Anfang unserer Reise lernen mussten, dass nicht immer alles so läuft wie geplant. Einen Monat ist es her, dass wir in einem Land ankamen, das uns wortwörtlich aus den Socken gehauen hat. Im positiven wie auch im negativen Sinn.

Wir haben in unserem ersten Monat viel erlebt.

Daniel war krank und musste ärztlich betreut werden. Julia hatte stattdessen mit einem leichteren, dafür aber lange andauernden Magen-Darm-Problem zu kämpfen.

Wir sahen das Taj Mahal. Außerdem sahen wir so viel Müll und Plastik wie noch nie in unserem Leben. Wir trafen offenherzige und freundliche Menschen, die uns bei ihrem abendlichen Lagerfeuer auf der Straße zu einem Papad einluden. Wir begegneten aber auch unheimlich aufdringlichen Menschen, deren einzige Absicht es war uns um ein paar Rupien zu erleichtern. Wir aßen fantastisches Essen zu unglaublichen Preisen und bestaunten vor Prunk strotzende Paläste. Und wir sahen das große Elend vieler Kinder und Familien, die am Straßenrand ihre Zelte aufgeschlagen hatten und neben Rinnsälen aus Fäkalien und Müll lebten.

Wir sahen Kühe die aus lauter Hunger Plastik fraßen, Hunde die im Müll auf der Straße schliefen und Welpen die sich Ihren Weg über die von hupenden Motorrädern überfüllten Straßen suchten. Wir besuchten Animal Aid Unlimited und waren überglücklich, dass es auch in Indien so viele herzensgute Menschen gibt, die ihre Zeit ehrenamtlich den vielen Tieren widmen, die durch uns Menschen und unser Konsumverhalten in Mitleidenschaft gezogen werden.

Wir erlebten einen unglaublich intensiven Monat in Indien und haben dennoch das Gefühl viel zu wenig gesehen zu haben. Auch wenn wir uns bei unserer Reise mehr oder weniger bewusst „nur“ auf den Bundesstaat Rajasthan beschränkt haben: Man braucht einfach wahnsinnig lange um in Indien richtig anzukommen.

Deswegen fällt der Abschied schwer. Irgendwie. Und irgendwie auch wieder nicht.

Wir sind froh den Lärm, das Gehupe und die teils anstrengenden Menschen hinter uns zu lassen. Wieder (mehr oder weniger) ungestört durch die Straßen zu laufen: Allein der Gedanke daran zaubert uns ein Grinsen aufs Gesicht. Und dennoch ist ein bisschen Wehmut dabei. Es ist ein unheimlich zwiegespaltenes Gefühl und so etwas hatten wir noch nie in einem Land. Ein Gefühl der Gegensätze in jeder Hinsicht.

Generell haben uns unsere Empfindungen während des ersten Monats fernab von zuhause überrascht. Schon vor der Reise hatten wir uns Gedanken gemacht: Wie werden wir uns in der ersten Zeit fühlen? Wie im Urlaub? Oder eher rastlos? Wir hatten von vielen Langzeitreisenden gehört, dass die ersten Wochen eigentlich wie ein ganz normaler Urlaub seien. Bei uns war es anders. Für uns war es kein Urlaub. Es war auch keine Arbeit. Aber es war etwas dazwischen. Es war ein sich darauf einstellen nun überall zu Hause zu sein. Und dennoch gab es Orte an denen wir uns heimischer fühlten als an anderen.

Und wir vergaßen die Zeit. Montag? Mittwoch? Sonntag? Das spielte nur noch eine Rolle wenn wir Zugtickets zur Weiterfahrt buchten. Wir schliefen aus und hatten nicht den Drang wie sonst auf Reisen den Tag möglichst effektiv zu nutzen. Und trotzdem machte Indien uns müde. 3 Stunden in der Stadt zwischen all den Menschen, Tieren, Autos, Geräuschen und Gerüchen und wir hatten genug. Gemütliche Cafes wurden unsere Rückzugsorte. Und dennoch gewöhnten wir uns nach und nach an den Lärm und die abenteuerlichen Straßenüberquerungen 😀

Und dann war da natürlich noch eine für uns ganz neue Komponente des Reisens: Das „Arbeiten“ von unterwegs.

Wir waren es gewohnt auf Reisen mit Kameras und Mikrofon unterwegs zu sein, angestarrt zu werden beim in die Kamera sprechen und das Treiben um uns herum auszublenden. Klar, in Indien fiel das in der ein oder anderen Situation nicht immer leicht, doch es war nichts grundsätzlich neues für uns. Doch wann sollten wir Zeit dafür finden all unsere digitalen Aufzeichnungen zu strukturieren und Gedanken zu ordnen? Bisher hatten wir das im Anschluss bequem von zuhause erledigt. Das war nun keine Option mehr. Also mussten wir uns Auszeiten nehmen. Auszeiten vom Reisen um zu verarbeiten. Anfangs eher zögerlich, immer dann wenn wir nichts anderes tun konnten: Beim Warten auf den Zug, spät abends im Hostel oder unterwegs im Zug. Doch wir bemerkten wie sehr das an uns zehrte und entschlossen uns oft bewusst und manchmal auch durch Krankheiten gezwungen zu Pausen. Und genau das ist der Weg den wir weitergehen möchten: Entschleunigung und bewusstes Verarbeiten. Für uns aber auch für euch als stille Begleiter 🙂

Und genau das tun wir auch gerade beim Schreiben dieses Beitrags an unserem letzten Tag in Indien: Wir bringen unsere Gedanken zu Papier, genießen die ruhige Atmosphäre in einem Cafe und sind gespannt auf das was noch kommen wird.

Wie gut wird uns unser nächstes Land nach den physischen aber auch psychischen Strapazen tun? Oder werden wir am Ende den Lärm und das Chaos ein kleines bisschen vermissen? Die letzten Tage haben wir viel über unsere Erfahrungen und Gefühlen zu Indien gesprochen und unabhängig voneinander – trotz aller Strapazen – folgenden Gedanken geäußert:

„Vielleicht haben wir am Ende der Weltumrundung noch ein klein wenig Zeit übrig und können uns weiter in Indien umschauen?“

Wer weiß, vielleicht kommen wir ja tatsächlich nochmal zurück. 🙂


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