Kulturschock

Dehli begrüßte uns mit einer Wolke aus Smog.

Nachdem wir unseren zweiten Flug mit relativ wenig Platz in einer ziemlich kleinen Maschine überstanden hatten, waren wir dennoch erleichtert endlich angekommen zu sein.

Die Tuk Tuk-Fahrt zu unserm Hostel, das wir schon im Voraus von Deutschland aus gebucht hatten, rüttelte uns wieder wach, auch wenn wir vom Flug und den ereignisreichen letzten Tagen sehr müde waren. Wir sagen euch: Die Inder kennen keine Verkehrsregeln. Überholen rechts oder links? Kein Problem! Abbiegen ohne auch einen Blick auf die Gegenfahrbahn zu riskieren? Klaro!

Für uns erstmal etwas abenteuerlich.

Trotzdem kamen wir wohlbehalten im Hostel an und fielen direkt in unser Bett. Nach ein paar Stunden Erholungsschlaf fühlten wir uns bereit und wagten uns auf die Straßen Dehlis. Schließlich hatten wir Hunger und die Neugierde war groß.

Dann das große Entsetzen. Auf der Straße war die Hölle los. Von allem Seiten flitzten die Tuk Tuks durch die Straße, dutzende Inder kamen auf uns zu und wollten uns etwas verkaufen, uns in ihre Läden locken. Andere behaupteten, dass sie uns helfen oder nur ihr Englisch verbessern wollten. Und alle kommentierten Daniels Aussehen mit „Nice beard!“. Wir wussten nicht mehr wo oben und unten war und wem wir trauen konnten und wem nicht. Zu viel Schlechtes hatten wir gelesen und dennoch fiel es uns schwer einfach NEIN zu sagen.

Nach 200m die Main Bazar Road entlang gaben wir auf.

„Komm, wir gehen wieder ins Hostel“, sagte ich zu Daniel. Er nickte nur stumm.

Den Besuch beim ATM ließen wir auch ausfallen, wir wollten einfach nur dem Trubel, dem Lärm und den vielen Leuten entfliehen.

Also bogen wir in die Seitenstraße unseres Hostels ab, in der gerade zwei Männer in öffentliche Urinale pinkelten (ja, auf offener Straße) und hasteten zurück zur Unterkunft.

Unser Abendessen bestellten wir dann dort und verließen das Hostel bis zum nächsten Tag auch nicht mehr.

Zweiter Versuch

Am darauffolgenden Tag besuchten wir auf Anraten von Priyata, einer Inderin, die wir glücklicherweise auf unserem Zwischenstopp in Kuwait kennengelernt hatten, den Connaught Circle, eine etwas „modernere“ Shopping-Gegend in Dehli. Erst wollten wir aufgrund der Erlebnisse des Vortages den Weg dorthin mit einem Uber fahren, einfach um den Straßengewusel zu entgehen. Nach kurzem Zögern entschlossen wir uns dann aber doch dagegen.

„Wir müssen uns dem Ganzen ja eh irgendwann stellen“

Also machten wir uns auf und kauften untwers nicht nur erfolgreich einen (okay es waren zwei, wovon der eine sich als Fehlkauf herausstellte :D) Reiseadapter, sondern lernten auf dem Weg zum Connaught Circle auch einfach NEIN zu sagen. Und siehe da: Wenn man nur bestimmt genug ist und selbstbewusst durch die Straßen Dehlis geht funktioniert das soo viel besser.

Kaum aus der Tür, musste Julia schon wieder ihre Smog-Maske aufziehen.

Am Connaught Circle angelangt bummelten wir durch die etwas „westlicheren“ Straßen und fanden uns zum Mittagessen im „United Coffe House“ ein, das uns Priyata empfohlen hatte. Die Preise dort sind passend zum Viertel zwar etwas höher, aber laut unserer indischen Freundin konnte man dort zumindest sicher sein sich nicht direkt eine Magenverstimmung einzufangen.

Das edle „United Coffe House“ von innen. Vor der Tür standen übrigens Türsteher. 😀

Und das Essen war BOMBASTISCH. Indisches Essen in Deutschland ist da nichts dagegen (und auch das haben wir immer gerne gegessen). Es war zwar unheimlich scharf, aber die Schärfe übertünchte die anderen Geschmäcker nicht sondern intensivierte sie sogar!

Glücklich und gesättigt setzten wir uns danach mit unseren Laptops in eine kleine Chai Bar, wo wir das WLAN nutzten und uns dabei vorkamen wie in der Eiszeit (ja, auch die Inder haben wohl eine Vorliebe für Eiszeit-Klimaanlagen).

Unser Highlight des Tages folgte aber dann erst noch: Priyata hatte uns angeboten Dehli, ihre Heimatstadt zu zeigen, falls wir Zeit füreinander finden würden. Und obwohl unser Zeitfenster dort begrenzt war (wir wollten aufgrund des Smogs möglichst bald weiterreisen) schafften wir es, uns noch an diesem Abend zu treffen.

Zwischen einigen Familientreffen nahm sie sich ein paar Stunden Zeit für uns (DANKE nochmal an dieser Stelle) und zeigte uns ihren liebsten Tempel in Dehli, den Gurudwara Bangla Sahib. Dieser Tempel gehört der Glaubensgemeinschaft der Sikhs an, die sich ganz besonders für die Armen und Benachteiligten einsetzt. Dies bringt sie beispielsweise so zum Ausdruck, dass es in deren Tempel oft kostenlose Mahlzeiten gibt, für jeden, ausnahmslos.

Das Eingangstor zum Tempel

Der Erhalt des Tempels und der Essensausgabe wird von Spenden finanziert

Wir betraten also das im Dunkeln schon sehr schön aussehende Tempelgelände und Priyata erklärte uns, dass wir vor dem Eintritt einige Sachen zu beachten hatten:

  1. Der Tempel muss immer Barfuß betreten werden. Hierfür kann man die Schuhe am Eingang abgeben und bekommt eine Marke um sie wieder abzuholen.
  2. Kopfbedeckung ist Pflicht – für Mann wie Frau. Auch hierfür kann man sich ein Tuch ausleihen.
  3. Vor dem Betreten des Tempels werden sowohl Hände als auch Füße gewaschen.

Der Tempel darf nur barfuß betreten werden!

Auf dem großen Vorplatz machten wir einige Fotos von dem im Dunkeln glänzenden Gebäude und folgten dann der Musik in den Tempel hinein.

Daniels schickes Kopftuch

Der Tempel von Außen

Dort befand sich inmitten vieler Menschen ein Sikh-Priester, der unter Gesang das heilige Buch der Sikhs segnete.

Im Innenraum des Tempels wird das Buch der Sikhs gesegnet

Priyata erzählte uns nachher noch, dass dieses Buch das wichtigste Element in der Religion der Sikh sei und zeigte uns sogar dessen „Schlafgemach“, in das es jeden Abend in einer Zeremonie zum Schlafen gelegt und morgens wieder aufgeweckt wird.

Nach diesem informativen und wunderschönen Abend mussten wir uns leider auch schon wieder verabschieden, denn für Priyata ging es noch auf eine Familienfeier und wir würden am nächsten Tag unsere Weiterreise antreten.

DANKE PRIYATA!


Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden: